SUMMER BREEZE 2022: Ihr seid so schön, Summer Breeze! - Dinkelsbühl

07.09.2022 | 23:08

17.08.2022, Flughafen Sinbronn

Dinkelsbühl im August. Hitze und Core, Regen und Death, Schlamm und gute Laune. What's not to like? Dachten wir uns auch und entsandten eine Delegation nach Mittelfranken bestehend aus Frank Jäger und Unterstützung durch Noah-Manuel Heim, Felix Hetzler und Katharina Jäger.

Es ist Mittwoch, wir reisen an. Den Auftaktdienstag haben wir verpasst, dank einer Covid-Infektion war ich bis vorgestern noch positiv und habe daher erstmal dringend etwas aufarbeiten müssen, vor Mittwoch war also an das SBOA nicht zu denken gewesen. So sitze ich mit Maske im Auto, gehe etwas auf Nummer sicher, auch wenn ich es höchstwahrscheinlich gar nicht mehr müsste, und suche meinen üblichen Weg zum VIP-Check-in. Nach drei Jahren bin ich etwas unsicher, ob ich alles wiederfinde, aber das entpuppt sich als unnötig, denn alles ist wie immer. Das Anmeldeverfahren mit einer Online-Registrierung war neu, aber die Verantwortlichen bei Silver Dust hatten durch persönliche Initiative und Flexibilität jede kleine Unebenheit perfekt ausgebügelt, sodass wir problemlos sofort unsere Tickets, den Fotopass und Parkausweis bekommen. Ja, man merkt, hier sind 25 Jahre Erfahrung am Werk.

Apropos, das habe ich ja noch gar nicht erwähnt: Jubiläum! 25 Jahre, aber wenn ich richtig gezählt habe, das 23. Festival. Gut, dann feiern wir in zwei Jahren nochmal, aber heute ist erstmal überhaupt Feierstimmung nach zwei Jahren Abstinenz. Deswegen wieder rein ins Auto, los auf den Parkplatz, der diesmal an einer anderen Stelle ist als 2019 und einen längeren Weg zum Gelände bedeutet, und dann hinein ins Vergnügen und zur ersten Band. Wir hören BLASMUSIK ILLENSCHWANG auf der T-Stage, aber da man tatsächlich Blasmusik-Klassiker zum Besten gibt, ist unser Auftakt die erste Band mit Eigenkompositionen. Auf der kleinen Wera Tool Stage legt SIAMESE aus Dänemark los. Dafür übergebe ich aber gleich mal an Katharina, die die Band besser kennt als ich.

[Frank Jäger]

 

Mein Highlight des Tages ist auch die erste Band, die ich heute sehe. SIAMESE, die ich vor drei Jahren in München kennenlernte, als sie vor DEAD LETTER CIRCUS als Headliner auftrat. Ihr Backdrop ist wie auch das Cover des neuesten Albums gold und schwarz gehalten. Als die Band die Bühne betritt, sticht der Sänger davor sehr heraus mit seinem farbenfrohen Hemd, doch sobald er sein erstes Lied 'Heights Above' anstimmt, ist das Publikum schon voll dabei. So dauert es auch nicht lange, bis wir uns einen neuen Platz weiter am Rand suchen, um dem Moshpit zu entgehen. Neben der musikalischen Darbietung, bei der ich einige Gesangs-Passagen nicht erkennen kann, trotz vorhandener Textsicherheit, gibt Mirza Radonjica auf humorvolle Art und Weise sein Deutsch zum Besten. Überwiegend spielt die Band Lieder aus dem neuen Album, doch auch vom Album "Super Human" werden zwei Lieder und von "Shameless" immerhin 'Cities' gespielt. Mit 'Ocean Bed' endet der Auftritt auch schon und für eine Zugabe reichte die Zeit nicht. Leider geht die Band von der Bühne ohne 'Party Monster' zu spielen, mein Lieblingslied vom Album "Super Human" hätte ich gegenüber dem Song 'Sloboba' des neuesten Albums präferiert.

[Katharina Jäger]

 

Die erste Band, die ich auf der T-Stage ansehe, ist PALLBEARER. Ich erinnere mich, dass ich die Buben schon mal gesehen habe, auch wenn es mir erst nicht klar ist. Das war 2018 an gleicher Stelle. Zumindest ungefähr, denn vor vier Jahren spielte die Band noch auf der kleinen Bühne, die damals noch einen anderen Sponsor hatte. Im Vergleich und in meiner Erinnerung gefiel es mir aber früher besser. Jetzt ist das Publikum zahlreicher und man präsentiert sich einer entsprechend breiteren Menge, aber statt abends ist es tags und obendrein sind die Zuschauer noch voller Tatendrang, da ist Doom irgendwie deplatziert. PALLBEARER macht das, was man als Doomband so macht, man zelebriert zumeist die Gemächlichkeit, jagt sägende Riffs in die Menge und im Falle der Band aus Little Rock garniert man das Ganze mit schönen Gesangsmelodien. Und blickt durchaus nett und sympathisch, schränkt sich aber immerhin bei den Ansagen ein. So ein bisschen Doom-Feeling muss ja sein, es kann ja nicht angehen, dass hier eventuell sogar noch gelächelt wird! Das aktuelle Album ist bei Nuclear Blast erschienen, das Label, das den Mittwoch sponsert, und daher erklärt sich auch der Transfer auf die größere Bühne, doch war das meiner Ansicht nach ein Fehler. 22 Uhr und Wera Tool Stage wäre für PALLBEARER besser gewesen, mit einem ausgepowerten Publikum und der Intensität der kleinen Bühne bei Dunkelheit, dabei könnte die Doomband glänzen. So tut sie es nur bedingt, was aber eben nicht an den Musikern oder der Musik an sich liegt, sondern an den Umständen.

 

Was, habe ich gesagt, Power wäre angebracht? Das können wir haben. Ich wechsele zur Main Stage, die diesmal nicht wie 2019 eine Drehbühne ist, sondern einfach eine normale, große Bühne, und damit den Roadies und Stagehands richtig Arbeit bereitet. Aber das soll in den kommenden vier Tagen problemlos funktionieren. Jetzt entert jedenfalls erstmal CALIBAN die Bühne. Ja, das ist genau das Richtige, griffiger Metalcore, mit Verve vorgetragen, so macht man die durchaus beachtliche Menge des ersten Tages warm. Die Deutschen haben schon dreizehn Alben veröffentlicht, wie ich aber erstmal recherchieren muss. Ohne ein richtiger Metalcore-Insider zu sein, an dieser Stelle vermisse ich wehmütig Oliver Paßgang, der früher bis 2019 mit mir auf dem SUMMER BREEZE gewesen und ein absoluter Experte für verschiedenste Core-Arten ist, kann ich nur oberflächlich urteilen, aber ich kann zumindest weitergeben, was ich sehe, nämlich eine große Menge an Feiernden, die endlich wieder Core von der Main Stage geboten bekommen. Sänger Andreas Dörner ist ein echter Aktivposten, da wackelt der Bart, die Songauswahl funktioniert prächtig, wie die aufwallende Staubwolke im Infield beweist, und ich bemerke, wie ich den Auftritt genieße. Leider muss man diesmal ohne Bassmann Marco Schaller auskommen, der gestern kurzfristig erkrankte. Das erfahre ich aus der Ansage von Sänger Andreas, sonst hätte ich das natürlich nicht gewusst. Selbiger interagiert mit dem Publikum und geht sogar soweit, dass er die Bühne verlässt und hinuntersteigt, leider kann ich von meiner Position nicht mehr erkennen als das. Da CALIBAN griffige Melodien in den Refrains unterbringt, hat die Band mein Interesse geweckt und nur die Tatsache, dass eine echte Thrash-Legende auf der T-Stage spielt und sich dabei mit CALIBAN überlappen wird, lässt mich den Weg zurück antreten.

 

Oder wie ich es meinen drei jüngeren Kollegen gegenüber ausdrücke: Thrash Metal History, part one: EXODUS. Dabei fällt mir auf, dass ich das aktuelle Album, "Persona Non Grata", zwar gehört, aber noch nicht physisch im Regal stehen habe. Das sollte ich mal ändern, vielleicht ergibt es sich ja hier auf dem Metal Markt. Das Stück 'The Beatings Will Continue (Until Morale Improves)' eröffnet das Set und stammt von eben jenem Scheibchen, bevor es mit 'A Lesson In Violence' in die Frühphase geht. Ja, so geht das, die beiden Ur-EXODUSler Tom Hunting am Schlagzeug und Gary Holt an der Gitarre bilden den klassischen Boden, auf dem die "Neuen", Sänger Steve Zetro Souza, der vor acht Jahren zum dritten Mal zur Band gestoßen ist, Bassist Jack Gibson und der zweite Gitarrist... ähm, ich wollte gerade Lee Altus sagen, aber der Mann an den Saiten ist definitiv nicht Lee. Die Band klärt auf, dass Lee aus persönlichen Gründen nach Hause zurückgekehrt ist. Leider verstehe ich den Namen des zweiten Gitarristen nicht, vielleicht erkennt ihn ja jemand anhand der Fotos.

Gut in Form ist Sänger Zetro heute, der in bester Metaller-Manier in Leder und Kutte rockt. Der Gute geht auch stramm auf die Sechzig zu, ist auch ein bisschen grau geworden und hat in der Körpermitte ein wenig zugelegt, aber wer hat das in der Lockdown-Zeit nicht. Wichtig ist, was oben rauskommt, und so veredelt er die messerscharf vorgetragenen Riffs der Saitenfraktion hervorragend. Dabei kommt sogar ein Song aus der Rob-Dukes-Ära zum Zuge, nämlich vom Album "Shovel Headed Kill Machine". Ich muss leider zugeben, dass ich nicht weiß, welches Lied es ist, ich meide die Dukes-Ära weitgehend, denn der dicke Ami war mir extrem unsympathisch und hat die Musik der Band eh nur zugebrüllt. Trotzdem gut, dass EXODUS auch diese Phase nicht ausklammert. Überhaupt, mit drei Liedern vom aktuellen Album, vier aus der Paul-Baloff-Zeit und vier Stücken aus den dazwischen liegenden Phasen ist der Auftritt eine angenehme Reise durch die Diskographie der Jungs, die keine Schwächen offenbart und reichlich Kraft verströmt.

[Frank Jaeger]


Während Frank auf den anderen Bühnen unterwegs ist, beschließt der Rest des Teams, sich einmal auf eine kleine Wanderung zur kleinsten Bühne des Festivals zu begeben. Die Ficken Party Stage ist etwas außerhalb des Festivalgeländes mit den drei großen Bühnen in Richtung Campingplatz ausgelagert. Da man dann auch noch einen Umweg machen muss, weil die große Sicherheitsschleuse, über der ein Transparent mit dem Text "TAKE CARE AND SEE YOU SOON!" hängt, interessanterweise kein Ausgang ist, dauert das auch seine Zeit. Der Ausgang ist nochmal 100 Meter weiter und diese 100 Meter muss man dann auch wieder zurücklaufen. Damit ist das Festivalgelände zwar entzerrt, aber wenn man zwei Acts direkt nacheinander komplett sehen möchte und einer davon auf der Ficken Stage ist, ist das durch den Laufweg nahezu unmöglich (und das aktuell noch ohne den Schlamm!). Außerdem bekommen die unbekannteren Bands auf der Ficken Stage so weniger zufällig vorbeilaufendes Publikum, was schade ist. Vielleicht hätte der ein oder andere hier ja eine neue Band entdecken können, wäre die Stage näher am Geschehen der drei Hauptbühnen oder wenigstens in Hörweite. Die Ficken Party Stage ist in etwa so groß wie die Wera Tool Rebel Stage, hat aber sogar eine größere Freifläche für das Publikum. Umrandet wird der gesamte Platz, auf dessen hinterer Hälfte einige Biertischgarnituren aufgebaut sind, von zahllosen Essensständen. Auf der Bühne gibt es mit HAWXX gerade eine sehr politische Punkband, die auch sofort kreischend beginnt, mit der Schönheitsindustrie abzurechnen.

[Noah-Manuel Heim]


Durch Irokesen und bunte Haare wird der Blick automatisch auf die Bühne gezogen. Die Sprache, die die Sängerin der HAWXX wählt, ist sehr vulgär und lässt keine Fehlinterpretationen zu. 2018 gründete sich die Band und 2019 brachten sie bereits ihre ersten Singles heraus. Ihre erste Single heißt bereits 'Love's A Bitch' und drückt Stärke und Dominanz aus. So gewann sie ein Jahr später auch den "Women Make Music Grant" von PRS 2020, woraufhin ihre Karriere bergauf ging. Ihr Name HAWXX drückt bereits Feminität aus, denn die zwei X im Namen sollen für die beiden X-Chromosomen einer Frau stehen. Neun Singles und eine EP namens "You're Only As Loud As You Shout Right Now" gibt es, aber irgendwie fehlt da etwas, nämlich ein komplettes Album. Die Band, die sonst so entschlossen und laut agiert, hat jedoch beschlossen, diesen Makel mit einer Gofundme-Kampagne zu beheben. Da könnte die Band aber noch Unterstützung vertragen, surf doch mal rüber, damit wir nächstes Jahr ein Album erwarten dürfen. Nach den gewonnenen Wettbewerben, der EP, der bereits durchaus beachtlichen Fanbase, ist das einfach der nächste logische Schritt, um noch bekannter zu werden. Mal sehen, ob die Mädels die £15000 zusammen bekommen. Viel Glück!

[Katharina Jäger]

 

Die Hauptbühne darf auch mal dem Mainstream eine, nun ja, Bühne bieten, und so folgt nun FEUERSCHWANZ. Die Komödiantentruppe besteht aus Könnern an ihren Instrumenten und hat ihren Stil über die Jahre des Bestehens verfeinert. Das macht das Ganze für mich aber nur bedingt besser, ich habe meine Musik gerne ernsthaft und kann meist über die witzigen Einfälle der Mittelalter-Blödel nur einmal lachen. In 'Metfest' kommt die Zeile "halte deinen Met fest" einmal witzig und dann schal rüber, zumal das ganze Genre des "Trinkmetal" an mir durchaus vorbeirauscht. Trotzdem sind die Melodien gut, die Lieder okay, die Performance engagiert, eigentlich gibt es wenig zu meckern. Wenn man denn grundsätzlich damit etwas anfangen kann. Ich höre mir ein paar Lieder an, wobei ich bei den ersten drei erstmal Fotos mache, und lasse FEUERSCHWANZ auf mich wirken. Als Partyband funktionieren die Erlanger gut, wobei ich eventuell auf Club-Med-Animationen mit ihrem "Hu" und "Ha" hätte verzichten können, als mittelalterlich angehauchte Truppe ebenfalls, sodass ich nach einer Dreiviertelstunde zwar genug habe, aber attestieren muss, dass die Kapelle auf das SUMMER BREEZE passt und für ordentlich Stimmung sorgt und auch visuell etwas zu sehen bietet. Trotzdem verschwinde ich aus der Meute mit ihrem "Schubsetanz", denn jetzt ruft mich wieder etwas Ernsthaftes: Thrash.

 

Oder wie ich es den Kollegen sage: Thrash Metal History, part two: TESTAMENT. Eigentlich haben wir hier über die Bay Area-Helden bereits häufig berichtet, auf die Geschichte muss ich sicher nicht mehr eingehen. Aber die neuere Geschichte ist dann doch einen Blick wert, denn es hat jemand hinter der Schießbude Platz genommen, den sicherlich jeder Metalfan kennt: Dave Lombardo, ehemaliger SLAYER-Drummer, ist wieder zu TESTAMENT zurückgekehrt, nachdem er bereits das 1999er Album "The Gathering" eingetrommelt hat.

Der erste Eindruck der Band ist bunt. Das Backdrop ist farbenfroh und auch die Lichtshow ist fröhlich-bunt, die Musik dagegen ist hart und auf den Punkt. Die Band gibt einen tollen Querschnitt aus acht Alben, wenn ich mich nicht verzählt habe, angefangen beim aktuellen "Titans Of Creation" und endend beim Debütwerk. Dabei konzentriert man sich auf die heftigeren Granaten, das beim letzten Auftritt in Dinkelsbühl gespielte 'Electric Crown' bleibt heute im Köcher. Allerdings ist ansonsten die Überschneidung der Stücke erheblich, an dieser Stelle könnte TESTAMENT durchaus mal für ein wenig Abwechslung sorgen, genug Auswahl hat man ja schließlich. Aber an Stücken wie 'The New Order' oder 'Into The Pit' ist natürlich erstmal nichts auszusetzen und 'Over The Wall' würde tatsächlich fehlen, wenn man es austauschen würde. Trotzdem, man könnte mal variieren.

Aber heute ist die Band in bester Spiellaune und hat einen beachtlichen Aggressionslevel mitgebracht, den sie mit einem Lächeln in die Menge feuert. Chief Chuck Billy und seine Saitenfraktion sind eingespielt und Dave Lombardo, der gefühlt mehr Zeit auf den beiden seitlichen LED-Leinwänden bekommt als andere Schlagzeuger, fügt sich prächtig ein. Natürlich wird auch 'D.N.R. (Do Not Resuscitate)' von "The Gathering" gespielt, aber gegen Ende erhöht sich dann die Frequenz der Achtziger-Klassiker. Zum Schluss berichtet Sänger Billy aus der Frühphase der Band, als er den Sänger der Band LEGACY ersetzte. Einen der Songs, die bereits geschrieben waren, als er zur Band stieß, wolle man jetzt spielen und dazu einen Gast auf die Bühne bitten. Ach ja, klar, EXODUS ist ja auch da! Denn bei der Band singt besagter, ehemaliger LEGACY-Sänger, der auf den Namen Steve Souza hört! Tatsächlich, Zetro kommt auf die Bühne und singt zusammen mit Chuck Billy den Song 'Alone In The Dark'! Da steht schon eine kleine Bay Area-All-Star-Kapelle auf der Bühne und die Thrashfreunde genießen diesen einmaligen Moment, den man sich, obwohl TESTAMENT und EXODUS bereits eine Weile zusammen auf Tournee sind, extra für den heutigen Abend aufgehoben hat. Dankeschön, das ist wirklich ein denkwürdiger Moment.

Setliste: Rise Up; The New Order; The Pale King; Practice What You Preach; D.N.R. (Do Not Resuscitate); WW III; The Formation of Damnation; First Strike Is Deadly; Over The Wall; Into The Pit; Alone In The Dark

 

Auf der Hauptbühne darf anschließend EISBRECHER aufspielen. Die Bayern haben sich in zwei Jahrzehnten ganz schön nach oben gespielt. War ich bei den Frühwerken noch skeptisch, weil ich in der Szene der Neuen Deutschen Härte nicht so zuhause bin, muss ich gestehen, dass ich zuletzt durchaus Gefallen an den Klängen der Fünf gefunden habe. Zuletzt hat man mich auf dem Graspop sehr überzeugt, als man eine Dreiviertelstunde lang einen mitreißenden Gig hingelegt hat. Heute hat die Band natürlich viel mehr Spielzeit, was ich sofort bemerke, denn man geht gemächlicher zu Werke und spielt auch mal ruhigere Stücke, was zwar dem Gesamtauftritt sicher zu Gute kommt, mich aber eben erstmal nicht so mitnimmt. 'Frommer Mann' und 'Augen unter Null' sind gut, aber nicht die Dampfwalze vom Graspop. Dafür abwechslungsreicher führt Sänger Alexander Wesselsky seine Truppe und das Publikum durch fünfzehn Jahre Bandgeschichte, nur von den ersten Alben wird nichts gespielt. Ja, verständlich, ich finde die neueren Werke auch deutlich gelungener. Wesselsky redet gerne mit dem Publikum, hält seine Ansagen aber immer recht kurz und prägnant und zeigt, dass er zu einem wirklich guten, charismatischen Frontmann gereift ist. Nach einiger Zeit wird mir bewusst, dass ich rüber gehen sollte auf die T-Stage, denn da spielt gleich die nächste Band, aber zuvor schaue ich nochmal erstaunt zur Bühne, denn da covert EISBRECHER nun TRIO. Auf 'Anna - Lassmichrein Lassmichraus' war ich nicht gefasst. Eine gewagte Coverversion, die auch nicht jeder zu kennen scheint, ich bin hin- und hergerissen, ob ich das jetzt gut finde. Im Zweifel für den Angeklagten, daher Daumen hoch. Trotzdem mache ich mich auf den Weg zu PARADISE LOST und verpasse dadurch, wie ich später erfahre, noch eine Coverversion, nämlich 'Out Of The Dark' von FALCO. Na ja, Mitte September ist wieder das "Volle Kraft Voraus-Festival" in Ulm, wer so richtig Spaß an EISBRECHER gefunden hat, dem empfehle ich dorthin zu pilgern. Ich trage mich ebenfalls mit dem Gedanken. Da hören wir bestimmt auch Cover-Falco.

[Frank Jaeger]

 

Wer keine Lust auf die dröhnenden Klänge von EISBRECHER hat, für den tritt zeitgleich auf der zweitgrößten Bühne mit PARADISE LOST eine britische Doom-Ikone auf. Wir genießen die ersten drei Lieder von vorne mit gutem Blick auf die eher durchschnittliche Bühnen-Action. Eine dezente, aber passende Lightshow und hin und wieder etwas Publikumsansprache durch Sänger Nick Holmes wie "Let's see your hands, Summer Breeze!" stellen bei diesem Auftritt eher die Musik und weniger die Performance auf der Bühne ins Zentrum. Diese kann sich dafür aber hören lassen. Alle Musiker liefern gut ab und der Sound auf der T-Stage ist zum Glück in Ordnung, da mussten unsere Ohren auf der Wera Tool Rebel Stage schon Schlimmeres erdulden. Besonders positiv fällt mir 'Faith Divides Us - Death Unites Us' auf, das dem Zuhörer zeigt, dass wir Menschen spätestens im Tod doch alle wieder gleich sind, egal wie unterschiedlich unsere Ideologien zu Lebenszeiten doch sind. Ein Einsatz für Toleranz? Schön! Mit dieser etwas ruhigeren Band endet für uns der erste Festivaltag.

[Noah-Manuel Heim]

Genau, ruhig ist das Stichwort bei PARADISE LOST. Oder unaufgeregt. Die Band ist ja nun sowieso nicht für ihre packenden Auftritte bekannt, aber immerhin ist Doom um diese Tageszeit wenigstens passend. Ich freue mich über gleich zwei Songs von "Draconian Times" unter den ersten Liedern, dazwischen gibt es aber auch Klänge, die ich nicht kenne. Leider hinke ich bei den Briten in der Diskographie etwas hinterher. Die Band springt munter durch alle Schaffensphasen und lässt natürlich auch die Klassiker nicht aus wie 'One Second' oder das unvermeidliche 'As I Die'. Da die kaum vorhandene Show mit dem Teppich-Backdrop nun nicht gerade ein Hingucker ist, beschließen wir, uns mit PARADISE LOST im Ohr zurück zum Auto zu begeben und den Tag für heute zu beenden. Die Band ist gut, wirkt fast schon gelöst, ist aber auch unspektakulär. Genau der richtige Abschluss.

[Frank Jaeger]



Hier geht es zum Donnerstag...

Redakteur:
Frank Jaeger

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